Bepluto

Essenz_Macro_Micro.

Vom Vorteil der Gelassenheit im Falle der Fremdbestimmung


Es war ein Tag im Jahre 2006 und die Menschheit, beziehungsweise stellvertretend ein kleiner, elitärer Zirkel entschied Großes. Ganz Großes. Als göttliches Abbild durch die Geschichte strebend, nahmen sich die Menschen dieses Mal nicht etwa einen fleischlichen Feind ihrer oder einer anderen Spezies zur Brust, sondern an diesem Tag wurde eine besonders dicke Kugel geschoben.


Naja, so dick war sie anschließend auch nicht mehr. Sie ging als Planet in die Abstimmung hinein, und nachdem ein paar hundert Hände gen Himmel gereckt worden waren, kam die Kugel als Zwerg wieder hervor. PLUTO. Der Zwergplanet. Das hatten die Menschen so entschieden.


Und Pluto? Er zog selbstverständlich weiter seine elliptische Bahn um die Sonne, gänzlich unberührt von der durch Hybris getränkten Einfalt der Menschen, die einen Planeten degradiert hatten. So what? Oder: Was kümmert's den Mond, wenn ihn der Mops anbellt?


Kein schlechtes Vorbild, der Pluto - die Festlegungssucht so genannter Experten mit Definitionshoheit gelassen über deren Köpfen kreisend zu ignorieren und so die eigene, von elitären Kreisen unabhängige Bedeutung  zu dokumentieren. Das ist Freiheit im Sinne Plutos. Zumindest frei zu sein von den Festlegung anderer, die sich dazu berufen fühlen, fremdbestimmen zu dürfen. So sollte es sein. Oder so ähnlich.

Weshalb ein Rot durchaus mehr sein kann als ein Rot


Es war ein Abend im Jahre 2013 und in einem schmucklosen Raum, übervoll gestellt mit zweckmäßigen Schreibtischen, diskutierten die Teilnehmer eines Fotoclubs über die papiernen Ergebnisse einer Foto-Aufgabe. Die Workshop-Leiterin - eine Absolventin des Studiengangs Gestaltung der renommierten Fachhochschule Bielefeld und bundesweit beachtete Foto-Künstlerin - hatte den Teilnehmern Wochen zuvor den Begriff "Auszeit" als Impuls und Inspirationsquelle überlassen.


Nun geht es mir nicht um die Qualität der  Umsetzungs- und Bild-Kritik des Abends, sondern um eine Vermutung, die die erfahrene Künstlerin bei der Betrachtung eines meiner Jahrmarktbilder äußerte. Es zeigt den Ausschnitt eines Kettenkarussells als Schwarz-Weiß-Fotografie - bis auf einen einzelnen Ballon, dem ich in der Bildbearbeitung sein Rot gelassen hatte. Ich hatte einen guten Grund für diese Entscheidung, der sich mitnichten in einem puren Effekt erschöpft. Dazu später.


In der Prognose der Workshop-Leiterin indes hätte der rote Ballon eine fatale Wirkung im Falle einer Bewerbung an der Fachhochschule Bielefeld. Die Professoren, so ihre Einschätzung, würden ein solches Foto sofort aussortieren, weil es ein Farbeffekt sei, den viele digitale Kompaktkameras bereits vorhielten und deshalb beliebig oft auf Amateurfotos zu sehen sei.


Ich denke mir, wenn diese Einschätzung tatsächlich zuträfe und Gelehrte ein Werk ohne inhaltliche Auseinandersetzung disqualifizieren, weil eine massentaugliche Technologie existiert, die zumindest das bildgebende Werkzeug jedem auch als banale Effektspielerei zur Verfügung stellt - dann wäre das mindestens sehr traurig.


Denn die Professoren würden dann a priori definieren und sich damit der Ursache eines Bildes und ihrer Reflexion verschließen. Damit unterstellten sie reine Banalität und stellten die Möglichkeit eines alltäglichen Effekts über die Gedankenwelt, die sich dahinter verbergen könnte. Kann Denken das wollen? Oder Kunst? Oder Kommunikation? Bepluto will das nicht.


Ich habe die Einschätzung der Foto-Künstlerin aufgenommen, um die Essenz des Bepluto-Gedankens mithilfe eines Beispiels zu formulieren. Es hat keine Bewerbung an der FH gegeben und somit kein gedankenloses Aussortieren durch Professoren. Alles Spekulation. Wirklich jedoch ist die Idee hinter dem roten Ballon. Es war kein Hübsch-Anzusehen-Impuls am Rechner, sondern ein gedanklicher  Prozess während der Betrachtung des Karussells, in dem das Rot des äußeren Ballons bereits eine symbolische Rolle spielte.


Zuerst erschienen mir die Ketten des Karussells als Ergänzung                     Doch diese Gedanken erweiterten sich durch die Luftballone. Es waren die Kräfte und Kontraste des Karussells, die ich festhalten wollte. Auf der einen Seite das fast martialisch wirkende Eisen der Kettenglieder, auf der anderen die durchscheinende Luftigkeit der Ballone, die an die Ketten angeschnürt waren. Mir gefiel die Idee, dass die Zentrifugalkraft, die während der Drehung des Karussells gegen das Eisen arbeitet, eine Gefährtin der Luftballone ist, sie nach außen drückt und schließlich befreit aus den Fesseln des ewigen Round-And-Round. Ein Symbol für diese Befreiung sollte die Farbe sein, die der äußerste Ballon besaß. Das ist alles.


Was bleibt, ist zu hoffen, dass die Workshop-Leiterin irrte in ihrer Einschätzung, und dass Gelehrte "Schindlers Liste" nicht frühzeitig verlassen könnten, weil ein rotes Jäckchen in einem Schwarz-Weiß-Film technisch einfach zu realisieren ist. Oder sie ein Bewerbungsfoto nicht unreflektiert aufgrund eines roten Ballons zur Seite legten. Aber falls sie Recht hat, dann muss es mir im besseren Wissen um die Gedanken hintern dem Rot letztlich herzlich egal sein.

zu einem meiner alten Texte.